Zur Person: Stefan Dudzus, wohnt seit 1988 am Tempelhofer Damm, direkt in der Einflugschneise. Er weiß, was es heißt, mit dem Flughafen zu leben. Er kennt auch den Unterschied der Lärmbelästigungen, die laut Stefan Dudzus „vor allem durch den Tempelhofer Damm und der nahe vorbei führenden Autobahn ausgeht und nicht durch Flughafen Tempelhof.“ Stefan Dudzus ist auch erster Vorsitzender im Verein www.be-4-tempelhof.org. Der Verein Be-4-Tempelhof will parteiübergreifend mit dazu beitragen, Problemlösungen zu erarbeiten, als Mediator zwischen den verschiedenen Standpunkten zu vermitteln und unsere lebenswerte Stadt zu stärken.
Stefan Dudzus, ein Anwohner des Flughafens Tempelhof schriebt im Abendschaublog zum Thema „Tempelhof schliessen?“ am 14.01.2008 folgenden Beitrag:
Vorwort
Ich wohne direkt in der Einflugschneise am Tempelhofer Damm, ca. 200 m von den Rollwegen und ca. 300 m von der Runway 09R (das ist die südliche und am meisten frequentierte Bahn, weil sie für ILS-Anflüge ausgestattet ist) entfernt. Eines meiner Lieblingsrestaurants befindet sich direkt unter der Einflugschneise in der Bahnverlängerung am S+U Bahnhof Tempelhof. Und ich schicke voraus, dass ich nicht taub bin. Ich bitte schon jetzt um Entschuldigung, aber ich hatte keine Zeit mich kürzer zu fassen.
Zur Lärmbelästigung
Alle Anwohner am Flugplatz Tempelhof haben schallisolierte Fenster. Jeder Besucher ist immer wieder erstaunt, wie leise es in meiner Wohnung ist. Wer es nicht glaubt, den lade ich gerne ein mich zu besuchen.
Nachts können die Anwohner des Airports Tempelhof die Fenster offen lassen, denn er herrscht ein Nachtflugverbot (Ausnahmen bilden Rettungsflüge, wie z.B. Organtransporte). Wirklich belastend sind die vielen Feuerwehr- und Polizeieinsätze, die mit Martinshorn auch zur Nachtzeit fahren und uns Anwohner aus dem Schlaf holen. Der zur Nachtzeit startende Jet, der eine Leber oder ein Herz abholt ist schneller weggeflogen, als die Feuerwehr bei mir um die Ecke biegen kann! Mich hat noch nie ein Flugzeug aus dem Schlaf geholt.
Risiko Flugzeugabsturz und abgeleitete Folgen
Das ist natürlich ein umfangreiches Thema und würde eine ausführliche Behandlung verdienen. Aber einfach mal die FACTS: Seid dem Ende der Berliner Luftbrücke gab es verschiedene Notlandungen, die jedoch niemals Anwohner in Gefahr gebracht haben (z.B. die insgesamt mehr als 10 Flugzeugentführung die in Tempelhof landeten - siehe: http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2004/08/28/a0320). Kein Pilot würde einen Flughafen ansteuern, wenn eine sichere (Not-)Landung nicht gewährleistet wäre.
- Kleinflugzeuge -
Am 24. Mai 2001 kam es zum Absturz eines Kleinflugzeuges vom Typ Beech 36 TC. Es pralle gegen eine Hauswand und stürzte dann in einen Neuköllner Hinterhof auf eine Laube, wo es vollständig ausbrannte. Außer den Insassen, kamen KEINE Personen zu schaden.
Um es zu verdeutlichen: Kraft ist Masse mal Beschleunigung! Welchen Schaden soll ein ca. 1,5 Tonnen Kleinflugzeug anrichten, wenn es mit ca. 160 km/h gegen eine Hauswand knallt? Zur Erinnerung: Es gibt beladende Tankfahrzeuge vom 30 - 40 Tonnen mit übermüdeten Fahrern am Steuer, von solchen rollenden Bomben geht weit mehr Gefahr aus. Aber auch solche Gewichte haben es bisher nicht geschafft, ein Haus oder eine Brücke zum Einsturz zu bringen.
Die Flugunfall-Untersuchung kann hier nachgelesen werden (Link: http://www.bfu-web.de -> Publikationen -> Untersuchungsberichte -> "<2000 Kg" anklicken", dann Datum 24.05.2001 suchen). Die entsprechenden Konsequenzen wurden gezogen und die Landebahnschwelle entsprechend versetzt. Eine völlig ausreichende Maßnahme!
Jets
Jets werden nach anderen Zulassungskriterien zugelassen. Der gefährlichste Moment einer Flugphase ist entgegen der laienhaften Annahme nicht die Landung, sondern der Start. Das Flugzeug hat zu diesem Zeitpunkt das größte Startgewicht (weil am meisten "Benzin" in den Tanks). Ein Triebwerksausfall während der Startphase stellt somit das größte Risiko dar. Anders als bei kleinen einmotorigen Flugzeugen ist bei den Jets gewährleistet, dass es auch noch sicher mit dem oder den verbleibenden Triebwerken weiterfliegen kann.
Wirtschaftlichkeit
Stelle Dir vor, Du hättest ein unter Denkmalschutz stehendes Mietshaus das Du abreißen bzw. einer anderen Nutzung zuführen möchtest. Du darfst es aber nur dann abreißen oder umwidmen, wenn Du keine Mieteinnahmen mehr hast und sich auch sonst niemand mehr für Dein Haus interessiert. Die Lösung lautet: Erzähle allen Interessenten, das Dein Haus völlig überaltert ist, das es von Ungeziefer befallen ist, die Heizung kaputt sei und kündige den jetzigen Mietern. Verlange von neuen Mietinteressenten den doppelten ortsüblichen Mietzins, dann erzielst Du die Verluste die dein Begehren glaubhaft macht. Wiederhole alle schwachsinnigen Argumente, die meisten Leute werden es einfach glauben und nicht nachprüfen.
Genauso verhält sich der Rot-rote Senat. Er wird nicht Müde zu behaupten, dass das Verwaltungsgericht letztendlich die Schließung von Tempelhof beschlossen hat. DAS IST FALSCH. Das Gericht hat lediglich festgestellt, dass das vom Berliner Senat eingeleitete Schließungsverfahren für Tempelhof den juristischen Erfordernissen entspricht. D.h. aber nicht, dass der politische Wille etwas anderes beschließen kann. Der Konsensbeschluss von 1996 ist der Beschluss der drei Gesellschafter der Berliner Flughafen Gesellschaft und nicht das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.
Richtig ist, dass der Flugverkehr in Tempelhof immer für Gewinne gesorgt hat! Erst nachdem der Luftverkehr systematisch vergrault wurde, entstanden die Verluste in der Sparte "Flugverkehr". Das die Immobilie, das drittgrößte zusammenhängende Gebäude der Welt Verluste erwirtschaftet, liegt an der mangelnden Vermietung, am völlig unfähigen Gebäudemanagement und an überzogenen Mietpreisen. M.E. sind Gesellschafterbeschlüsse (hier sind die Gesellschafter BFG - Land Berlin, Land Brandenburg, die Bundesrep. Deutschland gemeint), welche den Geschäftsführer anweisen zum Nachteil der GmbH zu handeln - nämlich Verluste zu produzieren, unwirksam.
Überholte Passagier-Daten
Die Planungen von BBI sind in den Jahren von 1990-1992 entstanden. Die dort zugrunde liegenden Planzahlen, sind von der Realität längst überholt. Seit Mitte der 90 Jahre nehmen Billig-Airlines einen großen Bedarf ein und generierten weiteren Flugbedarf und Passagierzahlen. Die Wachstumsraten liegen bei jährlich über 5%, im letzten Jahr (2007) haben sie 8,3% betragen. Allein in den ersten zwei Monaten des Jahres 2008 lagen die Flugbewegungen erneut um 8,3% über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres und bei den Passagieren gab es einen Zuwachs von 13%. Auch der Sommerflugplan 2008 weißt 8% mehr Linienflugverbindungen auf als 2007. Damit stimmen die Planzahlen einfach nicht mehr und BBI wird im Jahr 2011 (wenn der Zeitpunkt eingehalten werden kann) wahrscheinlich aber erst 2012, gleich mit 120-130% seiner möglichen und bisher geplanten Kapazitäten loslegen müssen. Da dieses Wachstum weltweit in dieser Höhe ungebrochen anhält und auch für Berlin nichts gegenteiliges zu erwarten sein dürfte, werden demnach ca. 27 Millionen Passagiere, das sind 7 Millionen Passagiere mehr als kalkuliert, in BBI 2012 abgefertigt werden müssen. Da Tempelhof und Tegel zu diesem Zeitpunkt geschlossen werden sollen bzw. sind, ist mit deutlichen Verzögerungen im Flugverkehr zu rechnen. Wer sich über Verspätungen von 20 Minuten bei der Bahn aufregt, der wird in BBI deutlich längere Verspätungen in Kauf nehmen müssen.
Wie Schwachsinnig das Verhalten in Sachen THF des Berliner Senats ist wird vielleicht auch an einem Gegenbeispiel deutlich. Man stelle sich vor sie haben eine große Spedition. Ihre LWKs sind ständig ausgelastet. Für das Jahr 2011 bestellen sie sich neue LKWs mit einer um 30% größeren Nutzlast. Nun können Sie Ihre LKW Flotte verkleinern und behalten die gleiche Nutzlast - toll! Aber würden Sie deshalb Ihre LKWs bereits 3 Jahre früher stilllegen bei gleichzeitig wachsender Tonnage???
Wem nutzt die Schließung von Tempelhof?
Mir ist zu Ohren gekommen, dass die Momper Projektentwicklungs GmbH (die Firma unseres ehem. Reg. Bürgermeisters Walter Momper) bzw. mit ihr verflochtene Firmen Immobilien in Neukölln besitzen, insbesondere in Flughafennähe. Bei einer Schließung des Airports verspricht die Lage der Immobilien deutliche Wertsteigerungen.
Will sich mit der Konsequenten Schließung des Airports Tempelhof vielleicht jemand bei einem alten Freund bedanken, dass er von ihm innerhalb der SPD auf das Schild als Kandidat zum Reg. Bürgermeister gehoben wurde? Honi soit qui mal y pense. Immobilienverstrickungen innerhalb der SPD wären für uns Berliner ja nichts Neues.
Grünfläche Tempelhof und Umweltschutz
Unzweifelhaft ist der Airport die größte innerstädtische zusammenhängende Fläche mit ca. 380 Hektar. Eine Fläche die nach Experten und auch vom Berliner Senat aus Gründen des Klimas in Berlin erhalten werden soll und muss. Der Unterschied ist jedoch, dass derzeit der Rasen auf dem Flughafengelände außerordentlich kurz gehalten wird, womit sich das Gelände in der Nacht deutlich stärker abkühlt und somit in heißen Sommernächten für eine gute Luftzirkulation in der Innenstadt sorgt und die warme Luft verdrängt. Im Jahresmittel liegt die Temperatur am Airport um 1,5°C unter den Temperaturen von Berlin, an einzelnen Tagen ist sie sogar um bis zu 5°C niedriger.
Eine wie auch immer geplante Bebauung, ja selbst eine andere Anpflanzung mit Bäumen zu einem Park, ein längeres Gras, würden diese Temperaturdifferenz zum Nachteil der Berliner Bevölkerung beeinflussen. Die Welt regt sich auf, dass sich die Erde in den letzten 20 Jahren um 0,4°C erwärmt hat. Warum sollen wir dann eine Erwärmung von 1,5°C innerhalb weniger Jahre tolerieren?
Berlin hat bereits heute (siehe: www.berlin.de) 41% Grün-, Wasser- und Landwirtschaftsflächen. Alles diskutiert über die Fläche des Flughafens Tempelhof. Keiner Fragt, was den aus der Fläche des Flughafens Tegel werden wird. Industriebrachflächen, Wohngebiete? Bereits heute hat Berlin einen Wohnungsleerstand, trotz zunehmender Single-Haushalte. Die Altersstruktur (Berlin ist völlig überaltert) wird biologisch bedingt, in den nächsten 20 Jahren einen weiteren Wohnungsleerstand erzeugen. wenn es Berlin nicht gelingt, neue Menschen und Firmen für unsere Stadt zu begeistern. Ausdruck von Lebensqualität in dieser Stadt ist nicht nur ein partyfeiernder Bürgermeister, sondern eine Stadt, die neben Kultur, Wissenschaft und Forschung auch über exzellente Verkehrsanbindungen verfügt. Fast alle Großstädte dieser Welt verfügen über zwei und mehr Flughäfen um diesem Anspruch Rechnung zu tragen. Der Berliner Senat verspielt an dieser Stelle Berlins Zukunftschancen.
Wenn Einigkeit darüber besteht, dass der Flugverkehr nicht abnimmt oder stagniert sondern weitere Wachstumsraten produziert, dann wird auch der Straßenverkehr von und nach Berlin mit der Fahrt zum Flughafen BBI zunehmen. Trotz einer geplanten guten Nahverkehrsanbindung, werden doch weiterhin viele Bürger mit dem Auto zum Flughafen BBI fahren, insbesondere die Geschäftsreisenden. Hat sich schon einmal jemand überlegt, dass auch Autos Schadstoffe produzieren? Ich denke da an Millionen von Kilometern die Passagiere zusätzlich zum Flugplatz BBI fahren, im Gegensatz zu einem innerstädtischen Flughafen, der im Schnitt ca. 10km weiter entfernt ist als der Airport Tempelhof, wenn dieser Konsequent als Geschäftsreise Airport betreiben werden würde. Auch spricht für Tempelhof, dass dort der Ausgang der U-Bahn fast im Gebäude ist?
Bei angenommenen 3 Millionen Passagieren die mit dem eigenen Auto oder Taxi um Airport BBI fahren und im Schnitt 10 km weiter fahren müssten, wären das 30 Millionen zusätzliche Kilometer, die bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 7,5 Litern allein 2,25 Millionen Liter Benzin oder Diesel verbrennen. Nach Auskunft des Bundesumweltamt (Link: http://www.umweltbundesamt.de/fufs/umwelt.htm) entstehen pro Liter Benzin 2.356 g CO2 und pro Liter Diesel 2.642 g. Bei unterstellten 50:50 Benzin zu Diesel, bedeutet dies eine Mehrbelastung von 5.622,75 TONNEN an CO2! Dieselfahrzeuge produzieren zusätzlich 30,3 Tonnen Ruß (Schadstoffklasse 4). Naja, wie beruhigend ist da, dass wir jetzt eine Umweltplakette am Fahrzeug haben, das entlastet unser Gewissen ungemein.
Folgekosten
Mit der Schließung von Tempelhof sind die bereits oben dargestellten Verluste nicht beendet. Bisher hat die BFG, die Flughafengesellschaft, die Verluste von Tempelhof - die sie selbst so gewollt hat - getragen. Nach einer Entwidmung trägt das Land Berlin die Verluste, denn das Gelände kann nicht einfach der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auch Stillstand verursacht Folgekosten. Nach Berechnungen von Experten soll die Beseitigung der Altlasten auf der Fläche sowie das Stillstandsmanagement zwischen 100 - 500 Millionen Euro in den nächsten 10 Jahren kosten. Das ist da 10 bis 50 fache der derzeitig gewollten und produzierten Verluste der BFG.
Der entscheidende Unterschied ist, dass bisher die BFG, als eine private Gesellschaft die Verluste getragen hat, aber bei einer Schließung des Airports der Steuerzahler dafür aufkommen muss. Ich nenne so etwas: Gewinne kapitalisieren - Verluste sozialisieren. Schließlich hat Berlin erst 60 Milliarden Euro Schulden, was spielen da 100 - 500 Millionen mehr oder weniger eine Rolle. Ich frage, wie viele Sozialprojekte könnten von diesem Geld in Berlin angeschoben oder am laufen gehalten werden, nachdem jahrelang in diesem Bereich Kürzungen im Landeshaushalt vorgenommen wurden?
Nostalgiker
Wer behautet, dass der nur Nostalgiker am Airport Tempelhof hängt, der irrt gewaltig. Die Rote Regierung spricht immer noch Sentimentalitäten der älteren Bürger, die diesem Flugplatz durch die Blockadezeit schätzen gelernt haben. Wer sich auf der Internetseite der Flughafen Befürworter ICAT e.V, (www.icat.de) informiert, erhält ein umfangreiches Nutzungskonzept als PDF Dokument zum Download (9,2 MB).
Schlussendlich Demokratie
Das Volksbegehren ist ein legitimes Instrument den Wählerwillen zum Ausdruck zu bringen. Damit wird auch der landläufigen Meinung entgegen getreten "Man kann ja sowieso nichts ändern" oder "die da oben machen was sie wollen". Das Volksbegehren ist in unserer Verfassung verankert. Richtig ist auch, dass sich das Abgeordnetenhaus nicht dem Votum eines Volksentscheides (letzte Stufe des Volksbegehrens) beugen muss. Doch wie wird der Wähler bei der nächsten Landtagswahl in Berlin Abstimmen, wenn das mehrheitlich rot-rote Abgeordnetenhaus und der Berliner Senat sich nicht einem demokratisch herbeigeführten Votum beugen? Dann kann zu Recht behauptet werden: "Die da oben machen was sie wollen."
Ich fordere daher alle Berliner und Berlinerinnen auf, am 27. April für die Offenhaltung von Tempelhof zu stimmen. Es ist vielleicht unbequem sich in ein Wahllokal zu begeben, doch wer nicht zur Abstimmung geht, kämpft für den Gegner. Beweisen wir Berliner, dass wir unsere demokratischen Rechte nutzen werden! Je höher die Walbeteiligung um so glaubwürdiger das Votum.
Rechtschreibfehler darf jeder behalten ;)

